Maske – Kunst der Verwandlung

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Maske – Kunst der Verwandlung

Zur Ausstellung im Kunstmuseum Bonn (Ingeborg Flagge)

Es gibt Karnevalsmasken, Atemmasken, OP Masken, Totenmasken, Dominamasken, Tiermasken, Kukluxklanmasken, Schandmasken und viele andere. Die kleinste und unverkennbarste Maske ist die rote Nase des Clowns.
Doch um einzelne Masken als Objekt geht es in der Ausstellung im Kunstmuseum Bonn nicht. Vielmehr geht es darum, weshalb ein Mensch diese oder jene Maske wählt und aufsetzt. Der Scharfrichter, der einem Delinquenten womöglich in aller Öffentlichkeit einen Kopf kürzer macht oder ihn aufknüpft, ist im privaten Leben eventuell ein braver Bürger und möchte deshalb dort nicht erkannt werden.Bei der Domina
ist die neutrale Maske Teil einer geschäftsmässigen Beziehung ihres Kunden. Im Islam verbirgt die Burka und der Nikab die gesamte Gestalt einer Frau und schützt sie so vor den neugierigen Blicken fremder Männer.
Masken haben immer zwei Seiten, die private, nach innen gerichtete und die öffentliche. Sie stehen für eine Dialektik von Zeigen und Verstecken und bedürfen in jedem Falle eines Betrachters. Ohne
Betrachter macht das Tragen einer Maske keinen Sinn. Die Maske
löst im Betrachter den Wunsch aus, sie zu lüften, den Träger also zu demaskieren.
Masken gibt es in allen Kulturen und in jedem Material, in Leder, Holz, Ton, Plastik, Gummi und Latex. Waren Masken früher starr, gibt es heute so feine Anpassungen, daß sie durch die Muskeln des darunter liegenden Gesichtes bewegt werden können.
Masken gibt es seit frühesten Zeiten. Auf das Gesicht gesetzt oder als Ganzkörperverkleidung getragen verwandelt die Maske den Träger zu einem Gott, einem Priester, einem Dämon, einem Tier. Sie verleiht ihm
Kräfte, mit anderen Wirklichkeiten in Kontakt zu treten. In religiösen Riten und in schamanistischen Beschwörungen nimmt der Maskenträger Kontakt zu jenseitigen Mächten auf und heilt in Trance Krankheiten.
Das nackte Gesicht gilt als Ebenbild Gottes, also als echt und authentisch, während die Maske meist als trügerisch eingestuft wird und ein Abbild des Teufels ist.
Der Name „Maske“ stammt ursprünglich aus dem Arabischen. „Maschera“ bezeichnet dort die Verkleidungen des Narren. Im griechischen Schauspiel stellt die mit der Hand vorgehaltene Maske die „persona“ dar, die ein Schauspieler spielt. Im Fernsehen oder Film ersetzt das Make-up heute die früher angezogene Maske. Bevor die Scheinwerfer angehen wird der Mensch für seinen Auftritt in die „Maske“ gebracht.


Die Maske ist ebenfalls eine Metapher des gesellschaftlichen Rollenverhältnisses, Frauen bevorzugen andere Masken als Männer, was die Ausstellung sehr deutlich macht. Wenn Orlan, Jahrgang 1947,
die Kunst der Maskierung am eigenen Leib durch regelmässige Besuche beim Schönheitschirurgen inszeniert, der ihr Gesicht nach kunsthistorischen Vorbildern operiert und immer neu verändert, kann man sich einen Mann in dieser Situation kaum vorstellen. Julius von Bismarck, Jahrgang 1983, dagegen kreierte eine Phalanx von maskierten, gepanzerten Polizisten, die völlig entindividualisiert sind und in ihrem brutalen Gewaltmonopol unangefochtene Männlichkeit verkörpern.
Man muß sich keine Maske aufsetzen, um maskenhaft zu wirken. Vom alltäglichen schwarzen Männeranzug mit Krawatte bis zum kontrollierten Gesichtsausdurck, der keine Emotionen verrät, reichen die Erscheinungen, die den Menschen maskenhaft aussehen lassen. Wer seine Reaktionen und seine Gefühle ständig kontrolliert, bei dem spricht man nicht selten von einer Maske.
Die digitalen Medien lassen die Unterschiede zwischen individuellem Ausdruck und Maske zunehmend verschwinden. Digitale Bilder entziehen sich durch Manipulation jeder zeitlichen Einordnung.
Ähnlich ist es in der Schönheitschirurgie. Ist das durch eine Operation erlangte neue Gesicht eine echte Verbesserung oder eine optimierte Maske?
In der Kunst wurde das Motiv der Maske am Anfang des 20.Jahrhunderts entdeckt. Picasso, Man Ray und vor allem Max Ernst benutzten sie als exotische Projektionsfläche des Andersseins. Ohne das Motiv der Maske sähe die moderne Kunst anders aus.
In der Bonner Ausstellung zeigt das Selbstbildnis mit Zigarre (1919) von Karl Schmidt-Rottluff eine Maske auf seinem harten flächigen Gesicht. Die erkennbare Physionomie wird nicht verdeckt. Ganz anders in „Mann und Maske (1922) von Heinrich Campendonk. Die Maske steht zusammen mit einer Blumenvase und Obstschale vor dem Bildnis Campendonks auf dem Tisch. Sie ist stark farbig und im Ausdruck lebendiger als das reale Gesicht. Hannah Höchs kleine Collagen aus den 20iger Jahren geben wohl am Besten den Geist der Zeit wieder: Entmutigung und Chaos infolge des Weltkrieges. Sie antwortet darauf mit zusammengestückelten Bildern, in denen sie Masken und Körperteile unterschiedlicher Herkunft mischt.
Masken wirken nach aussen und nach innen. Interessant deshalb die aus Gemüse und Obst kombinierten Masken von Martine Gutierrez (geboren 1989) Sie zitiert die bekannte Schönheitsmaske aus Gurkenscheiben in einer Überfülle und Farbenvielfalt von exotischen
Früchten, die den Menschen und sein Gesicht regelrecht überwuchern.
Gillian Wearing (geboren 1963) ließ zunächst durch Masken unkenntlich gemachte Personen intimste Details über sich erzählen. Dann tritt die Künstlerin auf in der äußerst lebensechten Maske ihrer Mutter und ihres Vaters, eine Art künstlerischer Wiederauferstehung ihrer Familie, vielleicht auch deren Bewältigung.
Der beeindruckendste Raum der Ausstellung ist zweifelsfrei der von Theo Esketu (geboren 1958). Flankiert von riesigen Maskenbannern, die jahrelang an der Fassade der ethnischen Museen in Dahlem hingen, hat er unter dem Titel „Atlas Fraktured“ eine unendliche Bilderschau geschaffen, in der Zeit, Erdteile, die Gesichter von Königen, Feldherren und Göttern, Rassen und Farben miteinander verschwimmen und sich wie in einem ewigen Kreislauf reales Gesicht und Maske mischen.

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